| Andreas
F. Beitin
Irdische
Milchstrassen oder Stratigrafien der dritten und vierten Dimension
Zu den Stadtlandschaften
Birgit Jensens
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translation
Als der Hirnforscher Wolf Singer in einem Zustand völliger Übermüdung
auf einem Flug von Boston zurück nach Deutschland einen Hummer
auf dem Gang des Flug-zeugs krabbeln sah, fürchtete er ernsthaft
um seinen Geisteszustand. Erst die Information, dass man am Flughafen
der nordamerikanischen Stadt lebende Hummer kaufen, diese mit ins Flugzeug
nehmen könne und das gesichtete Exemplar also offensichtlich seiner
Transportkiste entkommen war, lehrte ihn, dass er durchaus richtig
gesehen hatte (1). Hätte ein Mensch vor gut einhundert Jahren
Birgit Jensens Stadtlandschaften sehen können, wären sie
für
ihn vermutlich unlesbar gewesen. Genauso wie der Hirnforscher hätte
er das Gesehene als irreal, die Bilder als abs-trakte Muster interpretiert.
Imagination und Erfahrung lassen hingegen heute die Städtebilder
Birgit Jensens als solche erkennen und durch ihre postmediale Behand-lung
zu zeitgenössischen Manifestationen künstlerischer Technik
der Darstellung der Themen Stadt und Landschaft werden.
Die Landschaftsmalerei hat sich in der frühen Neuzeit als eigenständige
Gattung der Malerei emanzipiert und durchgesetzt. Nachdem es den Malern
bei der Untergattung Stadtlandschaft ursprünglich darum zu tun
war, eine möglichst realistische, auf sofor-tige Wiedererkennbarkeit
angelegte Darstellungsweise der jeweiligen Stadt zu wäh-len, spielte
im vorletzten Jahrhundert zunehmend ein subjektivierter Abbildungsmo-dus
eine Rolle, durch den versucht wurde, die individuell empfundene Stimmung,
das Atmosphärische wiederzugeben. Zu Beginn des 20. Jahrhundert
waren es vor allem die Künstler des Futurismus, die neben der
Darstellung einer Stadt daran interessiert waren, mit ihr auch das
elektrische Licht als Zeichen des technischen Fortschritts mit den
Mitteln der Malerei zu visualisieren. Ebenfalls in den 1910er und 1920er
Jahren wollte man Bewegung und mit ihr indirekt die Zeit im statischen
Medium Malerei zum Ausdruck bringen als Synonym für die Moderne.
Und wo zeigt sich Bewegung, Ge-schwindigkeit und Dynamik besser als
in der Stadt?
Die amerikanische Malerin Agnes Martin meinte zu ihren minimalistischen
Land-schaftsbildern, dass es nur eines Striches bedürfe, um eine
Landschaft darzustellen. Alles andere müsse durch die Imaginationskraft
des Betrachters evoziert werden. „Anything can be painted without
representation.“ (2) Tatsächlich ist die Wahrnehmung des
Menschen so angelegt, dass man lediglich zwei sich horizontal gegeneinander
abgrenzende Flächen unterschiedlicher Farbigkeit auf einem Bildträger
benötigt – oder wie bei Agnes Martin sogar nur einen Strich
auf weißem Grund –, um eine Landschaft zu assoziieren (3).
Auf welche Weise entstehen Bilder in unseren Köpfen, vor unserem
geistigen Auge? Wie kommt es, dass das menschliche Gehirn aus einfachen,
eigentlich abstrakten Strichen oder einzelnen Punkten etwas konstruiert,
das uns vertraut zu sein scheint? Mit dieser Frage beschäftigen
sich Hirnforscher seit langem. Selbst das „Wissen um Illusion
hat keinen Einfluss auf die Wahrnehmung“ (4). Das Gehirn ist
so konditioniert, dass es aus einer Mischung aus Erfahrung und Erwartung
etwas rational
Begreifbares, etwas Lebensweltliches in auch zunächst unbe-kannten
Strukturen entdecken will. Nachvollziehbar wird dies beispielsweise
an ei-nem Bild wie Birgit Jensens CCS I: Ein Meer von lichten Punkten
breitet sich vor einem nachtschwarzen Hintergrund aus – zunächst
ein völlig abstraktes, unsystema-tisches Raster. Durch die hoch
liegende Horizontlinie, zunächst aber vor allem durch unsere Kenntnis
elektrifizierter Städte, von Fotografien nächtlicher Metropolen
und schließlich auch durch die Erfahrung des Fliegens, wodurch
dem Passagier die Großstädte bei Nacht wie irdische Milchstrassen
erscheinen, ist es uns möglich, das Bild CCS I als visualisierte
Wiedergabe einer hell leuchtenden, urbanen Landschaft zu interpretieren.
Zu einer Stadt gehören Gebäude, Häuser. Wir sehen jedoch
keine konkrete Architektur, sondern nur das gemalte Licht, das aus
den Gebäuden in die Nacht strahlt. Das Immaterielle braucht Materie,
um sichtbar zu werden, um die Häu-ser vor unserem geistigen Auge
vorstellbar werden zu lassen. Ballungen, Verdich-tungen, Cluster deuten
in CCS I große Straßen und Plätze an, auf denen sich
das Licht konzentriert und alles Dunkle auslöscht. Bewirkt wird
dies durch die Technik des Stratifizierens: Die Ansichten gleicher
oder verschiedener Stadtlandschaften werden in mehreren Schichten übereinander
gelegt. Durch die nicht nur räumliche, sondern auch zeitliche
Verzögerung der Aufnahmen wird darüber hinaus die vierte
Dimension ins Bild geholt, die Zeit.
Elektrisches Licht und kommerzielle Werbung haben schon früh miteinander
paktiert (5). Bereits in den 1920er Jahren waren die Metropolen der
westlichen Welt erfüllt vom Lichterglanz der Werbe- und Anzeigentafeln
großer
Unternehmen; zunächst als Glühbirnen-Typografien, dann aus
bunten Neonröhren. Heute flackern ganze LED-Hausfassaden mit animierten
Werbebotschaften und -filmen, wobei die Werbung sich – Stichwort
Times Square – aufgrund der enormen, die menschliche Aufnahmekapa-zität
sprengenden Fülle als Beispiel für einen wirtschaftlich betrachtet
negativen Ertragszuwachs selbst ad absurdum führt. Die Werbung
wirbt zwar für ein Produkt, mehr aber noch für sich selbst,
für das scheinbar selbstbezügliche Spektakel. In manchen
Stadtlandschaften Birgit Jensens wuchern ebenfalls Anzeigen und Werbe-schilder: „NOW“, „ALL
YOU CAN EAT!“ Auch hierin liegt eine Referentialität, die
auf vorhandene Bilder zielt: auf die Ikonen der Reklame, die im 20.
Jahrhundert in unter-schiedlich starkem Maß in der bildenden
Kunst als Versicherung der jeweiligen Ge-genwart benutzt worden sind.
Die Werbung stellt dabei sozusagen die Ligatur zwi-schen dem Licht – als
Grundvoraussetzung allen Sehens und damit der visuellen Existenzbestätigung – und
der Stadt als Zentrum des Konsums dar. „I shop therefore I am“ konstatierte
Barbara Kruger in Umformulierung von René Descartes’ bekann-tem
Diktum. Konsum als eine existentielle Bedingung, die von zunehmender
Rele-vanz werden wird. Das 21. Jahrhundert ist das Jahrhundert des
Konsumenten.
Die Stadtlandschaften Birgit Jensens stehen einerseits in der bereits
skizzierten Tradition der malerischen Darstellung urbaner Räume,
darüber hinaus sind sie aber auch Ausdruck eines zeitgenössischen
Kunstschaffens. Ihre Bilder nehmen auf viel-fältige Weise Bezug
zu verschiedenen künstlerischen Techniken des letzten Jahr-hunderts
und generieren aus diesen Bezügen und Verknüpfungen eigenständige
Bildlösungen für die Art der Landschaftsdarstellung. Nun
hat im vergangenen Jahr-hundert eine radikale Wende hinsichtlich der
malerischen Produktion und Erkenntnis in dem Sinn stattgefunden, dass
der Ausgangspunkt für das künstlerische Bildschaf-fen nicht
mehr die primär sicht- und sinnlich erfahrbare Umwelt mit all
ihren Ausfor-mungen war, sondern in zunehmendem Maße das durch
Medien vermittelte Bild. Peter Weibel stellt aus diesem Grund für
die Malerei der Zweiten Moderne fest, dass sie „einer grausamen
Entdeckung“ entstamme, denn: „Am Grunde des Bildes ist
bereits ein Bild.“ (6) So liegen auch den Stadtlandschaften Birgit
Jensens durch ver-schiedene Medien vermittelte Bilder zugrunde, sie
zeigen eine mediatisierte, ja mul-timediatisierte Visualität:
Die Welt (hier Städte als primäre Quelle) wurde fotografiert,
ihre Abbilder mit dem Computer digitalisiert und transformiert, anschließend
virtuell geschichtet und per Siebdruck, dem Verfahren der Massenmedien,
auf das Träger-medium Leinwand handwerklich übertragen. Darüber
hinaus sind ihre Bilder kontextualisiert, da sie Städte als soziale
Strukturen, im allgemein als Kunst kanonisierten Medium Malerei zeigen.
Der Nachhall und das Zusammenführen der verschiedenen Medien des
Visuellen in und auf den Leinwänden Birgit Jensens ist eine Bestärkung
derselben als traditionellen und zugleich zukunftssicheren Ort des
Abbildenden. Hierin ist letztlich eine Parallele zu unserer eigenen
Lebenswelt gegeben, da der Mensch des 21. Jahrhunderts in dialektischer
Spannung zwischen vergleichsweise archaischen, im Wesentlichen seit
Jahrhunderten kaum veränderten Lebensformen und hochartifizieller
Technik lebt. So wie die Malerei vereinfacht gesagt aus der Erfindung
von Fotografie und Film – die zunächst als Bedrohung des
Abbildungsmono-pols der Malerei empfunden wurden – schöpferische
Energie entwickelt hat, so ist es auch heute möglich, die wie
auch immer generierte, sprichwörtliche Bilderflut mit all ihren
positiven wie negativen Auswirkungen im Alltag und in der Kunst für
die Malerei zu nutzen.
Die Stadtlandschaften Birgit Jensens sind Abstraktionen der räumlichen
Welt auf eine zweidimensionale Fläche, die jedoch aufgrund ihrer
Perspektive zwischen Stadtplan und illusionistischer, vermeintlich
dreidimensionaler Wirklichkeit oszillieren. In Gedanken kann man durch
diese Bildwelten schreiten. Die Bilder erscheinen da-bei wie mental
maps, wie sich überlagernde Ansichten – was sie technisch
gesehen ja auch sind –, die sich aus der Erinnerung emporkommend
vor dem Betrachter nebulös ausbreiten, die er als denkender und
erkennender Mensch abgespeichert hat. Nach wie vor zieht es immer mehr
Menschen in die Ballungsgebiete, in die Met-ropolen, wodurch Städte
zunehmend als Lebenssubstrat zur Identifikationsbildung und Existenzver-
und absicherung beitragen. „Doch der Skandal des Menschen besteht
darin, daß er sich finden kann, ohne sich gesucht zu haben (…)
und entdeckt beim Überqueren der Straße oder während
ein Schlüsselbund zu Boden fällt, daß man wirklich
existiert.“ (7) Birgit Jensens Bilder erinnern daran, dass wir
existieren – im
Hier und Heute.
1
Wolf Singer, Das Bild in uns – Vom Bild zur Wahrnehmung, in:
Iconic Turn. Die neue Macht der Bilder, hrsg. von Christa Maar und
Hubert Burda, Köln 2004, S. 58.
2 Agnes Martin, Writings / Schriften, hrsg. von Dieter Schwarz, Ostfildern 41998,
S. 37.
3 Birgit Jensen hat in einem Gespräch mit dem Autor in diesem Zusammenhang
auf ihre Arbeit Little Landscapes hingewiesen, die zwei sich horizontal gegeneinander
abgrenzende Flächen unterschied-licher Farbigkeit aufweist (abgebildet
in: Site 5, 2001, S. 68-71).
4 Singer 2004, S. 66.
5 Siehe hierzu auch meinen Beitrag m&m+M=3M. Lichtkunst auf dem Weg zum
ReADy-made, in: Light Art from Artificial Light: Light as a medium in 20th
and 21st century
art / Lichtkunst aus Kunst-licht: Licht als Medium der Kunst im 20. und 21.
Jahrhunderts, hrgs. Von Peter Weibel und Gregor Jansen, Ostfildern-Ruit 2006.
6 Peter Weibel, Pittura/Immedia. Die Malerei in den 90er Jahren zwischen mediatisierter
Visualität und Visualität im Kontext, in: Pittura/Immedia. Malerei
in den 90er Jahren, hrsg. von Peter Weibel, Klagen-furt 1995, S. 18.
7 Peter Sloterdijk, Weltfremdheit, Frankfurt am Main 1993, S. 17-18.

CCS
I 2005, 140 x 200 cm, Acryl / Leinwand (Foto: Birgit Jensen)
Beate Ermacora:
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