Gisela Elbracht-Iglhaut (Museum
Baden, Solingen)
Poesie der Megastadt
Die Bilder Birgit Jensens fordern das Auge und unsere Wahrnehmung. Vermag
unser Blick in der Nahsicht keine Zuordnung der unzähligen Punkte
und Pixel, Raster und Cluster, ergibt sich aus der Distanz die Ansicht
eines urbanen
Ballungsraumes, ein vielschichtiges Konglomerat architektonischer, Raum
bildender Elemente. Der Wahrnehmungsprozess wird Bildgegenstand und
verleiht abstrakten
Farbpunkten Form.
Rasterartig überzieht die Künstlerin die Bildfläche mit monochromen
Bits und entwirft wuchernde Raumkonstellationen, die nur durch den Horizont
begrenzt werden. Die Raumgrenze begründet unsere Assoziationen an Landschaft
und Stadtansichten und legt den Standpunkt des Betrachters fest, der aus erhöhter
Position auf die großstädtischen Bildwelten blickt und im vermeintlichen
Moloch poetische Stimmungen und Aussagen entdeckt.
Birgit Jensens nächtliche Stadtpanoramen entstehen aus dem Abbilden des
Immateriellen und Ephemeren: der Darstellung des Lichtes. Der Sinneseindruck
des Betrachters, der von außen auf die Großstadt im Dunkel schaut,
beinhaltet eine kontemplative, lyrisch-romantische Perzeption, die den meisten
Großstadtbewohnern - als Teil des Ganzen - im Alltag verwehrt bleibt.
Das Licht fungiert als Raumbildner und schafft Orientierung. Die Semantik des
Lichtes ist Grundlage für die Wahrnehmung des Seienden und Erscheinenden,
die traditionelle Sehweisen anspricht und zugleich bricht.
Stadtansichten gelten in der Kunstgeschichte als interdisziplinärer Sonderfall
der Landschaftsdarstellung. Mit dem Verhältnis des Menschen zur Natur
und dem ästhetischem Blick auf den Lebensraum verändert sich auch
das Bild der Stadt, als erste vom Menschen geschaffene künstliche
Umwelt, nachhaltig. Die digitale Revolution und fortschreitende Globalisierung
verleihen
der Darstellung, Betrachtung und Rezeption urbaner Megastrukturen neue
Relevanz.
In der Stadt kulminieren gesellschaftliche, politische, ökonomische und
soziale Konflikte, die auch in jedem Individuum zusammentreffen. „Das
berüchtigte `Selbst` ist als ein Knoten zu sehen, in welchem sich verschiedene
Felder kreuzen, etwa die vielen physikalischen Felder mit den ökologischen,
psychischen und kulturellen.“ (aus: Villem Flusser: „Die Stadt
als Wellental in der Bilderflut“, 1988) Flusser charakterisiert die moderne
Stadt als „intersubjektives Relationsfeld“, als Netz von zwischenmenschlichen
Beziehungen, deren Gesamtheit die konkrete Lebenswelt ergeben. „Die Fäden
dieses Netzes sind als Kanäle zu sehen, durch welche Informationen wie
Vorstellungen, Gefühle, Absichten oder Erkenntnisse fließen.“ (Villem
Flusser, ebd. ) Der Begriff der Vernetzung in einer globalisierten Welt relativiert
den Stellenwert des Individuums. „Das `Selbst` (`Ich`) ist ein abstrakter,
gedachter Punkt, um welchen sich konkrete Beziehungen hüllen.“ (Villem
Flusser, ebd.) Alle Individuen sind netzartig miteinander verbunden. Die
Utopie eines Stadtbildes bleibt notwendig fragmentarisch und immateriell.
Im Zeitalter der digitalen und vernetzten Medien spielen Distanzen eine
untergeordnete Rolle und virtuelle Existenzen realisieren sich im ortlosen
Raum. Die Bedeutung
geografischer Verankerung verschwindet. Reale und virtuelle Lebenswelten
greifen in dezentralisierten urbanen Komplexen ineinander über.
Die neuesten Städtebilder Birgit Jensens entziehen sich einer geographischen
Zuordnung. Die punktartigen Bits verweigern jedes System und folgen einer Topologie
des Zufalls. Die geometrischen Formen werden seriell wiederholt, addiert und
multipliziert. Sie füllen die Fläche des Bildträgers, scheinbar
ohne einer logischen Ordnung zu folgen. Urbane Landschaften entstehen, die über
die Bildfläche wuchern. Die Variablen folgen konstanten Parametern und
schaffen ein vielschichtiges Prinzip geometrischer Ornamente, das sich zu einer
figürlichen Bildeinheit zusammen fügt, aufbauend ineinander verwoben
und untrennbar miteinander vernetzt ist. Die Künstlerin verzichtet auf
atmosphärische Farbwerte und radikalisiert die ästhetische Bildwirkung
mittels Reduktion auf Schwarz- und Grauwerte. Die Formgrammatik ist dynamisch
und zersprengt, die übereinander gelagerten und gedruckten Raster addieren
sich zu einem „all-over“ Stadtbild. Gegenständlichkeit
schafft hier nicht mehr das ephemere Licht, sondern putative Architektur.
Birgit Jensen verzichtet im Gegensatz zu früheren Werkgruppen auf die
Identifizierbarkeit von faktischen Orten, die durch markante Merkmale wie Gebäude,
Flüsse und Brücken lokalisierbar waren. An ihre Stelle treten fiktive,
expandierende städtische Strukturmuster ohne Farbhierarchie, die verstreut,
sich entwickelnd und wachsend, eine reduzierte Formensprache wiederholend und
reihend auf dem monochromen Bildträger verteilt werden.
Die dynamischen Bildstrategien erfordern die kognitive Rezeption des Betrachters
auf mehreren Ebenen. Die Identität des Raumes entpuppt sich als Illusion,
die Existenz des sichtbaren Gegenstands wird hinterfragt, die Aussagen der
Malerei selbst werden relativiert und das Paradox der Verifizierung unserer
optischen Wahrnehmung wird fundamental analysiert. Die Bildrezeption erfordert
ein Zusammenfügen aller visuellen Informationen und Seherfahrungen. Erst
dann offenbart sich die ästhetische Aussagekraft und Vielschichtigkeit
der Bildsprache Birgit Jensens.
Die Künstlerin nutzt die Technik des Siebdrucks, steht mit ihren Unikaten
aber ganz in der Tradition der Malerei, die das grafische Medium nur als
Mittel zum Zweck nutzt. Das Motiv des Rasters, das eigentlich aus drucktechnischen
Darstellungsverfahren stammt, wird in die Malerei integriert.
Die Städteansichten wirken anonym, technisiert und verfremdet. Numerisch
codierte Bildtitel wie „LVK I“, „HKK I“ oder ZVA III“ unterstreichen
diese Wirkung konsequent. Der Mensch selbst taucht in den sphärisch verdichteten
Territorien nicht auf. Einzig erkennbar lesbare Schriftzüge wie „Circus“ oder „Bank
of America“ schaffen zivilisatorische Identität.
Die künstliche Struktur des Rasters ist der Natur fremd, findet sich aber
als grundlegendes Gestaltungsmittel auf konstruierten Stadtentwürfen am
Reißbrett. Birgit Jensen überträgt dieses Rasterverfahren
in die Sprache der Malerei und schafft wunderbare Bildwelten aus zeichenhaft
lesbaren
architektonischen Elementen.
Der Begriff der Vernetzung steht paradigmatisch für globale Entwürfe
und ihre bewegte städtische Unordnung. Traditionelle Landschaftsansichten
erscheinen als utopisch abstrakte Raummuster und dezentralisierte verstreute
Stadtstrukturen. Die monochromen Formationen ergänzen sich durch die formale
Verzahnung zu Sinn stiftenden gegenständlichen Architekturensembles mit
Wiedererkennungseffekt. Jensen überbrückt die epochale Disparität
des Motivs, schafft formale und inhaltliche Spannung und fügt verschiedene
Seh- und Wahrnehmungsebenen zusammen. Sie verbindet die Ansicht auf menschenleere
architektonische Szenarien, übereinander gelagerte Skylines und vernetzte
Straßenschluchten mit einer feinsinnigen lyrischen Ausdrucksstärke,
die ihre Bilder auszeichnet. Ihre erdachten Megastädte und utopischen
Stadtwirklichkeiten liefern zeitgemäße Ansichten unserer kosmopolitischen
Umgebung. Die fiktiven Metropolen stehen allegorisch für unsere moderne
Lebenswelt, die im virtuellen Cyberspace ebenso verhaftet ist wie im romantisch
motivierten Blick auf die urban geprägte Gesellschaft.
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