| Jens
Peter Koerver
Bilder zur Enttäuschung
des Sehens
Gleißend, glitzernd hingestreckt liegt die nächtliche Stadt
tief unter dem ins Bild, in die Weite schauenden Betrachter. Das Auge
ist ein täuschungsbereites, verführbares Wahrnehmungsorgan.
Nur zu gerne taucht es in den bis zum allenfalls ahnbaren Horizont reichenden
Stadtraum. Lichter perforieren die Dunkelheit, sie markieren die Hauptachsen
des als strenges Raster angelegten Straßenplans; besonders drei
auf einen imaginären Punkt im Dunkel zulaufende, durch größere
Lichtverdichtungen hervorgehobene fluchtende Linien erzeugen eine suggestive
Weite, ziehen den Blick ins Bild hinein, dynamisieren den Sehvorgang
und formieren gemeinsam mit einer Unzahl kleinerer und größerer
Lichtpunkte und -flecken die Ansicht einer nächtlichen Metropole.
- Andere zunächst abstrakt erscheinende, an ein Dripping erinnernde
kleinere Bilder erweisen sich im Kontext der großen Panoramen
als variierende Ausschnitte, auch sie zeigen illuminierte Straßenzüge.
Anonym und vage, einfach (wie erfunden) erscheinen die nach klassischem
Perspektivschema angelegten Bilder der nächtlichen Stadt und zugleich
ist das Motiv, die Struktur bekannt, ein herkunftsloses Erinnerungsimage,
auch für den, der noch nicht dort war identifizierbar als Ansicht
von Los Angeles, gesehen vom auf Hügeln über der Stadt gelegenen
Griffith Park. Oszillierend zwischen verallgemeinernder Konzentration
auf Wesentliches, Typisches und anscheinend hoher Detaildichte (man
meint alles zu sehen, die ganze Stadt vor Augen zu haben) entsteht ein
eigentümlich unwirkliches und dennoch suggestives Bild dieser weiträumigen,
mittelosen Agglomeration, die durch den Stadtteil Hollywood zum Synonym
für umfassende, maßstabsetzende Illusionierungen aller Art
geworden ist; „Hauptstadt des Vergessens“ nennt sie Durs
Grünbein. Als Betrachterwissen mischen sich diese Aspekte und andere
Klischees in die Wahrnehmung der Bilder ein, reichern das assoziative
wie diskursive Potential der Arbeiten im Spannungsfeld von Täuschung
und Enttäuschung, Sehen und Erkennen um zusätzliche Momente
an.
Spontan macht das Auge vom Angebot der auf einen Fluchtpunkt hin orientierten,
achsensymmetrischen Bilder Gebrauch, übersetzt das flächige
Bild in eine räumliche Wahrnehmung – unwillkürlich sucht
der Betrachter seine Position zum Bild zunächst so auszurichten,
daß die Illusionierung sich möglichst perfekt entfaltet.
Mit der Zeit aber verliert die Mitte ihre Macht, die Mechanik der Perspektive
ihren Reiz, verschiebt sich das Augenmerk vom Was des urbanen Raummotivs
hin zum Wie der Bilder, weg vom identifizierenden Wiedererkennen hin
zu einer in die Bildbetrachtung verwickelten Selbstwahrnehmung des Sehens.
Ein Aspekt dieser Aufmerksamkeitsverschiebung ist die Fokussierung der
Farbe. Der auf sie gerichtete Blick zeigt, daß die in den einzelnen
Bildern verwendeten Farbkombination in hohem Maße artifiziell
sind, sich auf lediglich zwei (in einem Fall drei) Farben beschränken,
was ihre Akzeptanz als überzeugende Wirklichkeitswiedergaben keineswegs
mindert. Allen hier vorgestellten Arbeiten ist der Verzicht auf Schwarz
gemeinsam, Dunkelheit wird mit tiefen Buntfarben erzeugt, die in einem
Ergänzungs- oder Spannungsverhältnis zu den jeweiligen Lichttönen
stehen, so in der Verbindung von dunklem Grün und rötlichem
Orange (LA IX) oder Caput mortuum mit Rosa (K II).
Neben der plastischen Modulation des Raumes durch Licht und Dunkelheit
leisten die Farbzusammenstellungen auch eine atmosphärische und
assoziative Aufladung des Bildortes. Erzeugt das graugrüne Leuchten
im tiefblauen Dunkel der Arbeit LA XIII ein fahl-kühles, änigmatisches
Glühen, das die Stadt in eine gespenstisch strahlende Ruine verwandelt,
so eröffnet die Begegnung von Caput mortuum mit einem zu aggressivem
Pink tendierenden Rosa divergierende Empfindungen und Assoziationen
(K II): Das sich zurücknehmende, dunkeltönige, bräunliche
Violett schafft einen wohl temperierten, altertümlich anmutenden,
diskret noblen, stillen und zugleich verhalten eigenwilligen Farb- und
Stimmungsraum. Ungleich vordergründiger, lauter strahlt das durch
fluoreszierende Farbanteile zusätzlich aktivierte Rosa, ohne Geheimnis
ist es kalte, jedoch sehr präsente und augenfällige Oberfläche.
Aus der Reibungsdynamik dieser höchst unterschiedlichen Farbwelten
entsteht mit dem plastischen, dimensionierten Bildraum auch ein gestimmter,
atmosphärischer Raum. Beide Potentiale der Farbe zu verfolgen ist
ein Anliegen aller Arbeiten von Birgit Jensen.
Wer auf eines der Bilder zugeht, kommt der Malerei näher. Konnte
sich das Auge aus der Distanz noch bequem an prägnanten Straßenzügen,
markanten Punkten in der urbanen Topografie orientieren, seinen jeweiligen
Aufmerksamkeitsort während schweifender Sehreisen im Lichtermeer
sicher bestimmen, so löst die Nahsicht den Illusionsraum in seine
Bestandteile auf: das flächige Nebeneinander von jeweils einer
Licht- und Dunkelheitsfarbe, gleichmäßig aufgetragen auf
überraschend grober Leinwand. Dieser Malgrund konterkariert die
im Siebdruck technisch mögliche scharfe Konturierung der Rasterpunkte.
Sie sind als Einzelelement bzw. Addition des Moduls aus der Nähe
gut zu erkennen. Die ausgeprägte Textur der Leinwand aber nimmt
ihnen den exakten Umriß, jede Form wird so verlebendigt und individualisiert.
Zudem verhindert diese Materialwahl einen vollkommen deckenden Auftrag
der dunklen Farbe, die, durchbrochen von feinen, aufblitzenden Lichtpunkten
in eine verhaltene Vibration versetzt wird. In solchen Abweichungen,
erwünschten Kontrollverlusten zeigt sich Birgit Jensens malerische
Handhabung des Siebdrucks, der es ihr ermöglicht mit dem Pinsel
nicht herstellbare Bilder zu realisieren, die Charakteristika manuellen
und maschinellen Farbauftrags miteinander verbinden.
Mit der Bewegung auf das Bild zu geht eine Enttäuschung, ein Tausch
einher: Aus geringer Entfernung stellt sich keineswegs ein Mehr an Sichtbarkeit
ein, statt dessen zeigt sich anderes. Was aus einigem Abstand ein identifizierbares
Gebäude, ein lesbares Detail zu sein schien, zerfällt nun
in mal mehr mal weniger dichte Ballungen, Additionen von Rasterpunkten
(eigentlich müßte man von Flächen, Quadraten sprechen)
- ihre Größe ist im einzelnen Bild konstant, wird aber für
jede Arbeit neu festgelegt –, die als winzige Flecken oder komplexere
Formationen wie zufällig oder willkürlich über die Bildfläche
verteilt erscheinen. Was aus einigem Abstand wie amorphe Zufallsgebilde,
Farblichtkleckse und unberechenbare Helligkeitsstreuungen aussah, erweist
sich als einzeln entwickelte, technoide Form.
Kaum miteinander vereinbar sind die widersprüchlichen Ansichten,
die das plane Nahbild und das tiefenräumliche, illusionierende
Fernbild bieten. Jedes Bild der Los Angeles - Serie zeigt sich dem beweglichen
Sehen als kontingente Abfolge diskontinuierlicher Möglichkeitsbilder,
die sich nicht einmal in der Vorstellung zum harmonischen Ganzen, zu
übersichtlicher Einheit fügen wollen. Das eine einzige, stabile
Wirklichkeitsbild entpuppt sich als wahre Illusion. In der reflektierten
Auseinandersetzung – die Schaulust mit einschließt –
erweist sich der Prozeß des Sehens eindrücklich als ein Produzieren
von unsicherer Realität: Gesehenes und Sichtbares treten auseinander,
Sehen und das Wissen um das Gesehene stehen in keinem zuverlässigen
Kontinuitätszusammenhang; im Sehen dieser Bilder der Traumstadt
Los Angeles ent-täuscht sich der Wirklichkeitsaneignungs- und Wirklichkeitsvergewisserungssinn
Auge. Gleichwohl, wer wieder zurücktritt, sich einer anderen Arbeit
zuwendet sieht: Gleißend, glitzernd hingestreckt liegt die nächtliche
Stadt tief unter dem ins Bild, in die Weite des Raums schauenden Betrachter
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