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Jens
Peter Koerver
Terrain vague
Weit zurück reicht die Idee vom illusionistischen Bild in der europäischen
Kunst. Bereits aus der Antike sind bis in die Gegenwart nachwirkende
Anekdoten über Menschen und Tiere täuschende Bilder überliefert.
Die Verwechslung von Sein und Schein, die glaubhafte Vergegenwärtigung
des Abwesenden, Realen auf der Bildfläche galt lange als höchster
Triumph des Mediums und war zugleich verwoben mit einer fortwährenden
Reflexion über Wirklichkeit, Erkenntnis und den Status des Bildes.
Noch die Moderne bezog sich in ihrem radikalen Bestreben alle Illusion
als das Falsche und Verlogene dem Bild, der Realität überhaupt
auszutreiben vehement verneinend auf diese Tradition. Erst die medialen
Umwälzungen der letzten zwei Jahrzehnte haben zu einer veränderten,
differenzierten Beschäftigung geführt. Die Illusion wird als
Teilaspekt gegenwärtiger, von Bildern aller Art permanent durchdrungenen
Wirklichkeit akzeptiert und nicht mehr apodiktisch Inszenierung, Konstruktion
und Virtualität zugunsten vermeintlich unmittelbarer "wahrer"
Welt als amoralischen Trug verworfen.
Illusion meint im üblichen Sprachgebrauch "Illusion von",
bezeichnet ein scheinbar vor Augen Stehendes, das sonst auch in der
Welt ist, war, sein könnte oder sollte und nun in einer dem Bild
eigenen Weise als Augentäuschung wiederholt wird. Selbst wenn dem
Betrachter bewußt ist, daß, wie Maurice Denis 1890 schrieb,
das gemalte Bild eine glatte Oberfläche, die mit Farbe in einer
bestimmten Anordnung bedeckt sei (oder Lichtpunkte oder eine stillgestellte
chemische Reaktion) ist (1) , so wird im Betrachten dieser Aspekt der
dinghaften Faktiztät immer wieder zugunsten der im Bild entworfenen
Räume, der Suggestion von etwas anderem jenseits der Fläche
übersprungen, die Realität im Bild wird für den Augenblick,
durch den Augenblick unmittelbarste Wirklichkeit. So verfällt das
Auge bereitwillig der eigenartig zwitterhaften Wirklichkeit der Moiré-Bilder
Birgit Jensens.
Der Begriff Moiré hat verschiedene Bedeutungen. So "bezeichnet
[Moiré] einen glänzenden ripsbindigen Stoff (Querrips) mit
typischer wellenförmiger Maserung. Diese entsteht, wenn zwei Stoffbahnen
unter Druck durch eine Kalander geführt werden. Dabei werden die
Rippen teilweise flachgedrückt, so daß unregelmäßige
Lichteffekte so daß es zu unregelmäßigen Lichteffekten
kommt." (2). Im Druckgewerbe benennt es einen Fehler bei der Reproduktion
von Bildern. Das Moiré ist ursprünglich eine negative Erscheinung
des Mehrfarben-Raster-Drucks. Es entsteht durch ungenaues Übereinanderdrucken
der einzelnen Farbraster, d. h. durch ungenaues Überlagern ähnlicher
Strukturen (3). Unabhängig vom Motiv kommt es zu einem unkontrollierten
Eigenleben der Bildoberfläche, schwimmende Verdichtungen, diffuse
Wellen und amorphe Strukturen ziehen sich wie ein Schleier über
die Abbildung.
Für die Bilder der Moiré-Serie nutzt Birgit Jensen absichtsvoll
das bildnerische Potential dieses Fehlers bei der mechanischen Herstellung
einer um größtmögliche Ähnlichkeit mit ihrer Vorlage
bemühten Bildwiederholung - die Künstlerin beschreibt ihr
technisches Vorgehen als genaues Überlagern von leicht unterschiedlichen
Rasterfrequenzen in voneinander abweichenden Winkelungen, so daß
ein bestimmtes, gewolltes Moiré entsteht. Indem sie diese Art
des >Irrtums< provoziert und isoliert, entsteht aus dem Defekt
der maschinellen Illusion eine andere, sich gewissermaßen verselbständigende
Augentäuschung in der Malerei.
Birgit Jensens Bilder sind Malereien. Eine Feststellung, die zunächst
überraschen mag, sind die Arbeiten doch im Siebdruckverfahren hergestellt,
was den gleichmäßigen, anonym erscheinenden Farbauftrag erklärt.
Malerische Entscheidungen betreffen hier nicht die Art und Weise, wie
die Farbe auf die Leinwand aufgebracht wird. Malerisches Handeln findet
an anderen Stellen des Arbeitsprozesses statt. Die hierbei verwendeten
Mittel sind nicht mehr Pinsel und Farben, vielmehr entstehen die überaus
feinen Modulationen durch die vielfältige Überarbeitung von
fotografischem Ausgangsmaterial am Computer. Genuin malerisch ist das
Anliegen der gesamten Arbeit, die darauf zielt, das räumliche Potential
von Farbe mittels fein nuancierter Farbigkeit und differenzierter Hell-Dunkel-Verschiebungen
auszuloten.
In besonderer Weise machen sich die Arbeiten der Moiré-Serie
die Möglichkeiten plastischer Illusionierung durch Farbe zunutze.
Aus einiger Entfernung gesehen, vermitteln sie den Eindruck eines sehr
weich verlaufenden Reliefs, suggerieren sanfte Ausstülpungen in
den Raum, Erhebungen und Senken, die trotz ihres unbedingt räumlichen
Charakters keine benennbare Materialität aufweisen. Malerisch modelliert
die Farbe eine Erscheinung, die sich dem tastenden Auge präsentiert
und doch völlig unbestimmt bleibt. Diese verlockend greifbaren,
körperlich-räumlichen Erscheinungen und einige eingelagerte
Lichtverläufe haben durchaus photographische, also abbildende Züge
und doch zeigt sich nichts anderes als das beschriebene irreale Relief;
Räume, die es nicht gibt, vor den Bildern nicht gab, eine vollständig
erfundene, medial konstruierte Realität. Gleich einer Spur bewahren
sie eine vermutbare, änigmatische Gegenständlichkeit, ohne
diese jedoch preiszugeben.
Aus der Ferne versprechen sie eine Taktilität des Weichen, Luftigen,
annoncieren dem Tastsinn Sensationen. Aus der eine handgreifliche Prüfung
des Verheißenen ermöglichenden Nähe zum Bild aber verliert
sich dieses Versprechen und schlägt um in ein Sichtbarwerden, ein
Sich-Zeigen der Malerei. Das gegenständliche Schein-Bild löst
sich auf. Die Nahsicht zeigt eine Fülle unterschiedlich großer,
präziser Rasterpunkte - eigentlich müßte man von Mikroformen
sprechen, jede von ihnen weist durch Bearbeitung und materialbedingte
Unregelmäßigkeiten eine individuelle Erscheinung auf. Teils
einzeln sichtbar, teils durch Überlagerung zusammengeschlossen
stehen einzelne Punkte und mehr oder weniger dicht geschlossene Punktzonen
hart konturiert und flach auf dem Bildgrund. Ohne etwas vorzuenthalten
zeigt das Bild alle seine Bestandteile. Eine paradoxe Gegenläufigkeit
bestimmt das Verhältnis von Teil und Ganzem, Nah- und Fernsicht:
hart und weich, klar und diffus, plastisch und flach, nüchterne
Offenlegung aller Bestandteile und geheimnisvoll >verborgene<
Gegenständlichkeit.
Detail und Bildganzes stehen in keinem kontinuierlichen Zusammenhang.
Zu sehen ist das Bild allein in seiner Partikularität. Das sehend
erworbene Wissen um das Bild mündet nicht in Erkennen. Die Schwimm-
und Flimmerwirkungen des Moiré lassen das Sehen ständig
zwischen faßbaren Teilen und dem nie als Ganzheit sichtbaren Bild
vagieren. So zeigt sich das Bild in der Seh-Erfahrung als Ort unübergehbarer
Differenz von sehbaren, gleichwohl fragmentarischen Teilaspekten und
sich entziehender, allein gewußter Gesamtheit.
Das ortlos Schwebende, Vage charakterisiert das Moiré und umreißt
ebenso die Situation des Betrachters. Der für alles alltägliche
Sehen grundlegende Vermittlungszusammenhang von Wissen und Sehen ist
ausgesetzt. Gerade diese Unterwanderung des erkennenden Sehens mündet
in ein Selbsterkennen des Sehens, zumindest in die Einsicht seiner Bedingtheit:
"Der Beobachter [...] sieht angemessener, weil er Ort, Zeit und
Bedingung seines eigenen Standpunktes [...] mitsieht. Er beobachtet
etwas, und er beobachtet sich selbst dabei. Auf eine bis dahin unbekannte
Weise wird er zum Urheber und Gestalter seines Blickes."(4).
Lassen sich die von Birgit Jensen in den letzten Jahren genutzten Bildstrukturen
aus Geweben, architektonischen Details, Stadtansichten oder auch gefundenen
Tabellen und Schemata herleiten, so sind die Arbeiten der seit 1996
entstehenden Moiré-Serie nicht direkt auf Realität rückführbar.
Obwohl sie auf
fragmentarische Wirklichkeitsabbildungen verweisen (Landschaften, Stoffe,
organische Mikrostrukturen?) und in starkem Maße illusionierend
sind, zeigt sich kein eindeutig identifizierbarer Gegenstand. Die Bilder
der Moiré-Serie verhalten sich auch different zu möglichen
medialen Herkünften. In ihnen sind Aspekte des Photos, der gerasterten
Druckreproduktion, des digitalen Bildschirmbildes, der Malerei aufgehoben,
sie nehmen die Möglichkeit der Abbildung spielerisch auf und widersetzen
sich zugleich allen Zuschreibungsversuchen. Als vermeintlich mediale
Bilder bleiben sie objektlos und auf geheimnisvolle Weise irreal. In
der zugespitzten Unbestimmtheit dieser Bilder zeigt sich ein Zweifel
an der Möglichkeit Realität greifbar, handhabbar zu machen,
auch und gerade mit Mitteln des technisch-medialen Zugriffs. Im Abbild,
im vereindeutigenden Welt-Bild ist das Fließen des Wirklichen
nicht faßbar. Und doch bleibt die Wahrnehmung dieses quecksilbrigen,
verzweigten Strömens angewiesen auf Bilder, sind sie neben der
Sprache wesentliches Instrument zur Realitätsaneignung; inklusive
aller (Ent)Täuschungen.
(1) Wörtlich heißt
es in dem 1890 publizierten Essay Définition du Néo-Traditionisme
von Denis: "Se rappeler qu’un tableau est [...] essentiellement
une surface plane recouverte de couleurs en un certain ordre assemblées."
Hier zit. n.: Maurice Denis: Théories 1890 – 1910. Du Symbolisme
et de Gauguin vers un novel ordre classique; Paris 1913, S.1.
(2) Mitteilung von Prof. Anita Oettershagen, FH Niederrhein, an Birgit
Jensen.
(3) Vgl. Jörg Michael Matthaei: Grundfragen des Grafik-Designs;
München 1975, S.119.
(4) Gottfried Boehm: Eine kopernikanische Wende des Blickes, in: Kunst-
und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.): Sehsucht.
Über die Veränderung der visuellen Wahrnehmung; Göttingen
1995 (Schriftenreihe Forum, Bd.4), S. 28.
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