|
Christian
Krausch
Der aufwändige Prozess des Rituals
Bemerkungen zu
den Arbeiten von Birgit Jensen
aus: Kunstforum international 2/03
Steht man auf dem alten Funkturm in Berlin am Rande des Messegeländes,
so öffnet sich in panoramatischer Weise der Blick vom südlich
gelegenen Dahlem, über die weite Flora des Grunewalds Richtung
Westen, bis hin zum Flughafen Tegel im Norden der Stadt. Kaum eindrucksvoller
aber kann der Blick sein, wendet man sich nach Osten, wohin sich die
Stadt Berlin in ihrer ganzen Weite ausbreitet. Unüberschaubar ist
das vom vergleichsweise westlich gelegenen Standpunkt aus betrachtete
Meer der Architekturen, Straßen und grünen Inseln, anfangs
noch deutlich akzentuiert, schnell aber zu einem verwobenen Teppich
sich vereinend. Faszinierend gibt sich die Stadt erst recht bei Dunkelheit,
die den Eindruck des Tages noch einmal zu übertrumpfen scheint.
Vertraut sind die Bilder der erleuchteten Straßenfluchten, Brücken,
Fenster und Kaleidoskope der Lichtreklamen, die dem Tagesgesicht der
Stadt eine gänzlich neue Kontur verleihen. Es entsteht ein zweites
Gesicht, durch Lichtpunkte, –konglomerate und -bahnen in sich
deutlich strukturiert, dabei in seiner Gesamtheit nicht weniger rätselhaft
als das Antlitz des Tages.
Birgit Jensen hat den nächtlichen Blick auf Berlin in sich und
für sich aufgenommen. Vom Funkturm aus fotografierte sie die erleuchtete
Stadt in Richtung Osten, beeindruckt von den verschiedenen Lichtballungen
etwa um das Europazentrum oder den Fernsehturm am Alexanderplatz. Vor
allem aber ist es die Weite der Stadt, die die Künstlerin aktuell
zu einer 140 x 350 cm großen Arbeit inspirierte. Nicht als Foto,
sondern als zweifarbiger Siebdruck auf Leinwand zeigt sich nunmehr das
nächtliche Berlin unter dem Titel „BFA I“ überraschend
ungewohnt in Blau und Grün, wobei das vom Farbwert her hellere
Grün die Lichter in der Stadt markiert. (Abb. 1) Mit Abstand betrachtet
wird Räumlichkeit suggeriert, allein schon durch die verschiedenen
diagonalen Lichtbahnen großer Straßen, die die Blicke in
die Tiefe zu lenken scheinen. Seltsam eigentlich, dass das Auge dieser
Illusion so gerne folgen mag, denn handelt es sich bei dem, das hier
den Eindruck eines Stadtpanoramas vermittelt, aus der Nähe gesehen
im Grunde allein um eine Addition von Farbpunkten. Eigentlich wurde
das Bild durch die Auflösung in ein grobes Raster beinah bis zur
Unkenntlichkeit verfremdet.
Birgit Jensen ist Malerin. Der Blick auf Berlin ist mit Farbe auf Leinwand
erstellt. Jensen verzichtet dabei auf den manuellen Duktus des Pinsels,
indem sie sich des Siebdruckverfahrens bedient, das sie zu immer größeren
Formaten ausreizt. Fotografien verschiedener nächtlicher Stadtansichten
rastert die Künstlerin am Computer auf und druckt sie nach der
Anfertigung der entsprechenden Siebe in zwei oder mehr Farben auf den
Malgrund. Die aus der Entfernung empfundene Tiefe der Bilder resultiert
aus dem Wechsel heller und dunkler Farben, wobei unterschiedliche Farbkombinationen
eines Motivs verschiedene atmosphärische Stimmungen erzielen. So
durchspielt die Künstlerin seit einigen Jahren in der sog. „LA-Serie“
den Blick vom Griffith-Park Planetarium auf Los Angeles in farblichen
Variationen, die Assoziationen von der leuchtenden Morgenstimmung über
die dunstige Abenddämmerung bis zur dunklen Nacht erlauben, wie
etwa in der Arbeit „LA XVIII“ von 2002. (Abb. 3) Die Wahl
der Leinwand als Malgrund ist bei dieser Vorgehensweise von Bedeutung,
da sie den aus der Nähe nachvollziehbaren technischen Charakter
der Werke, ihre erkennbaren Rasterpunkte, durch die eigene Struktur
relativiert. Indem durch feine Unebenheiten in der Leinwand beim Druck
winzige Bereiche zufällig ohne Farbe bleiben, erhält der Prozess
des Erkennens einen neuen Akzent. Der Betrachter begibt sich auf eine
Wanderung zwischen zwei Polen, der technischen Komponente und der malerischen,
die ihn kontinuierlich in Bewegung hält. Thorsten
Scheer spricht in diesem Zusammenhang von „unterschiedlichen und
nicht widerspruchslos ineinander überführbaren Rezeptionsmodi“
als Folge zweier verschiedener Lesarten, was letztlich den Faktor Zeit
zum Bestandteil der Bildaussage werden lässt. Durch das Erkennen
bzw. Weiterspringen vom Detail zur übergeordneten Struktur oder
zu einzelnen Zusammenhängen etc., Funktionen, die innerhalb eines
Zeitraums stattfinden, wird das Bild zu einer Art Katalysator für
Zeit.
Vergleichbares gilt auch für jene raumbezogenen Installationen,
in denen Birgit Jensen das Prinzip des Rasters von der Leinwand auf
andere Materialien überträgt. Im Jahr 2000 installiert die
Künstlerin als „Kunst am Bau Projekt IGS Flensburg“
über dem Eingangsbereich an der Außenfassade der Integrierten
Gesamtschule Flensburg ein ringförmiges Leuchtobjekt, das die maßstabsgetreue
Vergrößerung einer Leuchtstoffröhre in Ringform zeigt.
(Abb. 4) Die fotografische Reproduktion der Leuchtstoffröhre ist
in Form von schwarzen, elliptisch geformten Rasterpunkten auf einen
weißen, 400 cm Durchmesser umfassenden, flachen Acrylglasring
aufgedruckt, so dass bei Tageslicht der Prozess der Reproduktion durchschaubar
bleibt. Schaltet sich indessen bei Dämmerung das Licht des Leuchtkastens
ein, wird das räumliche Bild einer neonvioletten, kreisrunden Leuchtstoffröhre
suggeriert. Wie bereits bei den Siebdrucken der Stadtpanoramen spielt
Jensen hier mit der Wahrnehmung des Betrachters, der das unmittelbar
Sichtbare mit dem Fundus seiner Erinnerungen vergleicht und zuzuordnen
versucht. Die erleuchtete Neonröhre ist somit leicht zu akzeptieren,
auch wenn es sich de facto nur um ein Abbild derselben handelt.
Nicht weniger täuschend ist der Eindruck von jenem gewaltigen „Vorhang“,
den Birgit Jensen 2002 als „Kunst am Bau Arbeit für die Berlin-Brandenburgische
Akademie der Wissenschaften am Gendarmenmarkt“ entwickelt. (Abb.
5) Auf zwei je 4,50x30 Meter große Glaswände des vom Architekten
Claus Anderhalten neu gestalteten „Plenarsaal“ überträgt
die Künstlerin das Bild eines gewellten Vorhangs in elliptischen
Rasterpunkten, die den Eindruck einer dynamischen Oberfläche vermitteln.
In der Farbgebung beschränkt sich Jensen auf Dunkelgrau, das in
Variation der Rasterdichte all jene verschatteten Bereiche des wallenden
Stoffes markiert, wohingegen die helleren Stellen entsprechend weniger
behandelt bleiben. Durch die Möglichkeit, einzelne Segmente der
Glaswände wie Schiebetüren zu bewegen, ergeben sich Überlagerungen
der einzelnen Schichten mit den daraus resultierenden Verdichtungen.
Grundsätzlich aber erinnert der lockere Faltenwurf bei Tageslicht
an einen transparenten Schleier, der weniger etwas verbergen, sondern
eher eine Ahnung des Dahinterliegenden evozieren will.
Abermals das Motiv eines Vorhangs liegt auch dem „Kunst im Bau
Projekt im Arbeitsamt Meschede“ von 2001 zugrunde. (Abb. 6) Jensen
umfängt einen allseitig umgehbaren Aufzugkörper im Foyer des
Gebäudes mit einem stark farbigen Glasmosaik, das auf einer Fläche
von 38,18 qm die digital bearbeitete Abbildung wallender Stoffe zeigt.
Wie bei den Arbeiten auf Leinwand stellt sich das Bildmotiv erst aus
einer gewissen Distanz dar, wohingegen in unmittelbarer Nähe allein
ein Muster aus farbigen Glassteinen zu erkennen ist. Einzelne Ausschnitte
dieser farbigen Bereiche greift Jensen wiederum in einer eigenen Serie
von Siebdrucken auf, die über den Weg der stark vergrößerten
Fotografie als eigenständige Kompositionen auf verschiedenen Stockwerken
des Hauses an die Herkunft der Künstlerin als Malerin erinnern.
(Abb. 7) Vor allem aber verdeutlichen diese Arbeiten im Kontext mit
dem eigentlichen Mosaik Birgit Jensens Spiel mit Wahrnehmung und deren
Individualität. Die Beispiele Meschede und Berlin, wie auch die
panoramatischen Stadtansichten lenken den Betrachter an jene Grenze,
an der sich das jeweils aus der Entfernung erkennbare Motiv in einzelne
Raster auflöst und damit die kollektive Wahrnehmung in eine sehr
persönliche übergeht. Genau dieser Grenze, bei der sich das
Allgemeingültige zum Individuellen wandelt, wo das Denken vom „man“
zum „ich“ mutiert, gilt Jensens übergreifendes Interesse.
Bereits seit Ende der 90er Jahre erstellt die Künstlerin mit den
sog. „Moirés“ eine Folge von Siebdrucken, die die
Wahrnehmung nach ähnlichen Prinzipen hinterfragen. (Abb. 8) Aus
mehreren aufgerasterten Farbschichten sowie deren variierenden Ausrichtung
resultieren Verdichtungen und lockere Punktansammlungen, die dem Auge
als Vertiefung oder Aufwerfung der Oberfläche erscheinen. Manches
Moiré vermittelt den Eindruck gleichmäßig welliger
Strukturen, wohingegen andere vereinzelte Zentren aufweisen. Allen gemeinsam
aber ist der Impuls, der den Betrachter zur genaueren Untersuchung ihrer
Oberflächen sowie der Ergründung möglicher Motive verleitet.
Kontinuierlich erforscht Birgit Jensen jene menschlichen Sehgewohnheiten,
die sowohl aus einer Summe persönlicher Erfahrungen resultieren,
als auch aus standardisierten kollektiven Verhaltensweisen gespeist
werden. So ist es ein leichtes, das Bild der erleuchteten runden Neonröhre
in Flensburg als tatsächliche Röhre zu betrachten, da damit
ein Klischee befriedigt wird. Ebenso fällt es nicht schwer, in
einer faktisch planen Tapetendecke, die Jensen 2002 in Kooperation mit
Anderhalten Architekten an die Decke des im Umbau befindlichen Marstalls
Berlin klebt, eine plastische Kassettendecke zu erkennen, entspricht
dieses Bild doch einem gewissen Wunschdenken. (Abb. 9) Eben dieses Denken
erlaubt auch, gleich einem Instinkt aus den groben Punkten der „LA-Serie“
oder im eingangs erwähnten Bild „BFA I“ das Panorama
einer Stadt zu erkennen, obwohl die farbliche Zuordnung jede Form des
Naturalismus untergräbt. Es ist die Macht der ritualisierten Handlung,
die den Blick auf die Dinge prägt.
Auch Birgit Jensen kennt die Kraft des Rituals, dem sie ihrerseits bei
der Produktion der Arbeiten Genüge leistet. Jeder Schritt, von
der Wahl des Motivs, über das Foto und dessen bewusste Aufrasterung
am Computer, bis zur Bestimmung des Bildformates, der Anfertigung der
Siebe und deren mehrfarbigen Druck, unterliegt einem genauen Plan, der
gleichsam an einen sehr aufwändigen Prozess gebunden ist. Im Gegensatz
zum relativ unmittelbaren Verfahren der Malerei mit Pinsel auf Leinwand
ist Jensens Vorgehen ein eher mittelbares, da die Künstlerin gezielt
einen enormen Abstand zum Bild aufbaut, den sie erst nach Fertigstellung
aufgibt. Dass ihre Arbeiten trotz des gewahrten Abstandes nicht leblos
erscheinen, sondern vielmehr von großer Dynamik und Kraft sind,
ist abermals an den Prozess des Rituals gekoppelt, das bei aller detaillierten
Planung das Prinzip Zufall in sich birgt. Denn das letztendliche Erscheinungsbild
der mehrfarbigen Siebdrucke, konkret deren farbliche Gestaltung einzelner
Details, ist abhängig von den Überlagerungen der jeweiligen
Raster. Jensens Bilder sind in diesem Sinne nicht als Kompositionen
zu verstehen, die dem malenden Pinsel gehorchen. Vielmehr versucht die
Künstlerin solche Entscheidungen zu unterbinden, indem sie sich
an das einmal auferlegte Konzept hält und sukzessive arbeitet.
Durch die Überlagerung verschiedener, an eigene Gesetze wie Raster
und Farbe gebundene Schichten, entsteht das Bild letztlich aus sich
heraus. So gesehen lässt Jensen die Bilder wachsen, während
sie sich in der Rolle als Maler in einer gewissen Distanz positioniert.
So führt der Blick auf die Dinge, wie ihn Birgit Jensen in ihrem
Werk erörtert, in kontinuierlicher Bewegung vom Bild über
das Raster zum Bild. Scheinbare Antworten stellen immer wieder neue
Fragen, die ihrerseits nach Klärung trachten. Hierin liegt die
Konsequenz ihrer Arbeiten.
|