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Christian
Krausch
B I und B II
Anfangs sind es unzählige Punkte, die über die großformatigen
Leinwände verstreut auf sich aufmerksam machen. Einzeln oder zu
Konglomeraten verdichtet, oftmals auch zu schmalen Streifen vereint,
saugen sie die Blicke aus weiter Entfernung an, um den Betrachter in
seiner Wahrnehmung zu irritieren. Fragend ertasten die suchenden Augen
die Arbeiten in der Hoffnung auf den Moment des Verstehens, der die
Ungewissheit der Abstraktion eliminiert.
Markante, diagonal ausgerichtete Linienführungen suggerieren unwillkürlich
räumliche Tiefe, die den Werken ihre Zweidimensionalität nimmt.
Vermutungen über ein Motiv stellen sich ein, wodurch sich die Abstraktion
allmählich in Gegenständlichkeit wandelt. Die einstige Haltlosigkeit
ist für den Moment gebrochen und erlaubt Augenblicke der Erkenntnis,
die Bilder aus dem Gedächtnis evoziert. Von erhöhtem Standpunkt
aus betrachtet zeigen sich plötzlich erleuchtete, an einem breiten
Fluß liegende Stadtpromenaden, geprägt in ihrer Erscheinung
durch jeweils eine langgezogene, den Flu? Überquerende Brücke.
Indessen: Schon das Studium des Titels zwingt den Betrachter aus der
Entfernung an die Leinwand, wobei das Bild des erleuchteten Stadtpanoramas
allmählich an Substanz verliert. Das im Geiste entschlüsselte
Motiv mutiert zusehends wieder zu einer Addition von Flecken und Punkten,
die der erhofften Informationsvermehrung entgegenläuft.
Jens Peter Koerver spricht folgerichtig
von „Bildern zur Enttäuschung des Sehens“, wobei
die Enttäuschung allein an den Grad der Erwartung gebunden ist.
Denn unmittelbar vor der Leinwand stehend eröffnen sich dem Betrachter
überraschende Einblicke, die sein Augenmerk vom vermeintlichen
Objekt auf den Entstehungsprozess der Bilder lenken. Die aus der Entfernung
als aufgesetzte Farbtupfer oder –Flächen erscheinenden Lichtakzente
geben sich im Detail als Kombination von Rasterpunkten zu erkennen,
die weniger auf eine manuelle, als auf eine technische Genese der gesamten
Arbeiten schließen lassen. In der Tat verraten die Bilder bei
weiterer Hinterfragung ihren sachlich logischen Aufbau im Siebdruckverfahren,
der zusehends ihre romantisch-malerische Erscheinung untergräbt.
Zwangsläufig gewinnt der eigentliche Akt der Wahrnehmung an Gewicht.
Birgit Jensens Arbeiten thematisieren nicht die vordergründige
Bildanalyse im klassischen Sinne, sondern sie kreisen vielmehr um den
Prozess der Hinterfragung von Sehen und Erkennen.
Ausgangspunkt der Betrachtung ist das Motiv. In den Arbeiten von Birgit
Jensen befindet es sich immer auf einer Grenze zwischen Abstraktion
und Gegenständlichkeit, die Fremdheit mit Vertrautem paart. Die
Darstellung des Flusses ist beispielsweise auf große monochrome
Flächen reduziert, die allein im Kontext mit der Brücke als
Wasser zu verstehen sind. Kaum eine Information, kein Anhaltspunkt bestätigt
faktisch diese Vermutung, so daß jede vermeintliche Erkenntnis
gleich zu hinterfragen ist.
Stärker noch irritiert die auf jeweils zwei Farben beschränkte
Farbgebung der Bilder. Orange, kombiniert mit einem Braun/Rot, verleiht
der Stadtansicht B I einen erdigen, dabei deutlich kontrastierenden
Charakter. Das farblich verwandte, dabei grundsätzlich mehr ins
Rot tendierende B II erscheint dagegen in sich oder aus sich heraus
stärker glühend.
Gemeinsam aber ist beiden Arbeiten die grundsätzliche Fremdheit
der Farbe, die an keiner Stelle die naturalistische Nähe sucht.
Wo das erkennende Spiel mit den Rasterkästchen Ansätze von
Gegenständlichkeit erlaubt, sind die Farben bei Birgit Jensen im
Sinne der Malerei immer Träger rein atmosphärischer Komponenten.
Als solche vereinen sie Wiederum eine größtmögliche,
an die Emotionalität des Betrachters gekoppelte Offenheit in sich,
wie sie grundsätzlich das Werk der Künstlerin durchzieht.
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