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Thorsten
Scheer
So oder anders.
Ambivalenz und Kohärenz in den Bildern von Birgit Jensen
Bilderinnerungen setzen nur selten allmählich ein und entfalten
sich nicht graduell. Die verblaßten Bilder von Gesichtern unserer
Vergangenheit erneuern sich im Fall einer neuerlichen Begegnung in der
Regel schlagartig, plötzlich und überraschend. Wir sehen die
Bilder Birgit Jensens als Farbspuren auf einer homogenen Farbfläche,
die so angeordnet sind, daß sich eine ungestörte monochrome
Fläche der Grundfarbe unterschiedlicher Höhe im oberen Teil
der Bilder ergibt. Die Farbspuren weisen eine Verdichtung nach oben
hin auf, die sich gemeinsam mit linearen Strukturen, perspektivähnlich
fluchtenden Linien, Brücken oder Uferstreifen zum Eindruck eines
Landschaftsbildes vervollständigen. Es handelt sich bei den Bildern
Jensens um das Genre der Landschaftsmalerei, das hier anhand des Motivs
einer nächtlich erleuchteten Stadt in Erinnerung gerufen wird.
Die Bilder problematisieren gewissermaßen die Möglichkeit
vorikonographischer Beschreibung, indem sie einen Bildsinn eröffnen,
der die Vertrautheit mit dem dargestellten Gegenstand voraussetzt und
das Bildgedächtnis des Betrachters in Anspruch nimmt.
Verunsicherung über die Bildinformation stellt sich ein, wenn man
die Bilder aus der Nähe betrachtet, denn sie inspirieren zwei unterschiedliche
und nicht widerspruchslos ineinander überführbare Rezeptionsmodi.
Während sich in der Fernsicht aus den genannten Gründen (perspektivähnliche
Verflüchtigung und gleichzeitige Häufung von Bildinformationen
nach oben, erkennbare Horizontlinie, zentrumspunktgerichtete Flucht
der Bildinformationen) der Eindruck eines Landschaftsbildes einstellt,
sind in der Nahdistanz lediglich die Bildpunkte zu erkennen, die sich
ihrerseits erst durch die eingeschränkte Perzeptionsfähigkeit
des Auges gegenseitig zu einem erkennbaren Bild ergänzen. Die Addition
der Punkte zu einer zusammenhängenden Agglomeration von Farbe geschieht
im Auge des Betrachters. Der gleiche Vorgang ist die Grundlage der auf
Farbseparation basierenden Offsetdruckverfahren, die uns ermöglichen
aus vier in unterschiedlichen Farben wiedergegebenen Punktrastern ein
Bild zu generieren. Wird die Auflösung unseres Auges durch die
Projektion der Bildpunkte auf unsere Netzhaut unterschritten, sehen
wir auch dort eine homogene Farbfläche, wo eigentlich nicht mehr
als rote, gelbe, blaue und schwarze Punkte zu sehen sind.
Der Umgang mit Computern hat die meisten von uns vertraut gemacht mit
der Kategorie der Auflösung, mit Pixeln, dpi usw. Wo ehemals unterschieden
wurde zwischen scharfen und unscharfen Fotografien, allenfalls zwischen
feinkörnigen und grobkörnigen Bildern, hat die digitale Erfassung
der Welt eine technische Kategorie hinzugefügt, ohne die eine souveräne
Beherrschung von Bildmedien kaum noch denkbar erscheint. Und –
neben der Akzentuierung der Auflösung durch das zugrundeliegende
Bildraster wird eine zweite Kategorie digitaler Bildverarbeitung von
der Künstlerin ins Spiel gebracht: die Reduzierung auf eine begrenzte
Anzahl von Farben tilgt alle Zwischentöne, d.h. die analogen Informationen
aus den Bildern. Es handelt sich um wenige Farben, die jeweils mittels
des Siebdruckverfahrens auf die Leinwand aufgebracht werden. Dies ist
die Bedingung für die demonstrative Veranschaulichung des synthetischen
Charakters der zur Wahrnehmung angebotenen Bildinformation. Neben dem
Hinweis auf ein seiner Substanz nach nicht mehr individuell-handwerkliches
Herstellungsverfahren verweist die Reduktion der Wahrnehmungsinformation
auf das Notwendige zur Herstellung des Wahrnehmungsprozesses selbst.
Daß die digitale Manipulation unserer Welt (das betrifft nicht
nur visuelle, sondern selbstverständlich auch auditive Informationen)
einen Grad erreicht hat, der die Zuverlässigkeit und Möglichkeit
von Informationen im allgemeinen in Frage stellt, ist ebenso eine Platitüde
wie der obligatorische Hinweis auf Walter Benjamins Studie vom "Kunstwerk
im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" in diesen Zusammenhängen.
Jensen ihrerseits nutzt die Auflösung, die zur Täuschung gereicht,
aber gar nicht aus, sondern unterschreitet sie erheblich. Sie unterschreitet
darüber hinaus sogar die Auflösung des im Herstellungsprozeß
verwendeten Verfahrens, des Siebdrucks, der viel höhere Punktfeinheiten
erlauben würde als das Raster des gezeigten Bildes. Insofern setzt
sie mit ihren Bildern die Erfahrung mit der digitalen Reproduktion von
Bildern voraus.
Wer einmal die Plakatwände in unseren Städten aus der Nähe
betrachtet hat, sieht, daß das Ökonomieprinzip die Täuschung
unseres Auges bestimmt. Die Auflösung der Bilder ist so bemessen,
daß sie beim kalkulierten Betrachtungsabstand durch Passanten
und vor allem vorbeifahrende Autos ausreichend ist hinsichtlich der
Erzeugung eines fotografischen Bildes auf der Retina des Betrachters.
Kommt man dem Bild zu nahe, löst es sich auf in Einzelinformationen.
Die bestehenden Abbildungsverhältnisse zwischen dem Siebdruck und
dem digitalen Bild, das er reproduziert, sowie zwischen dem digitalen
Bild und dem von ihm abgebildeten Gegenstand geraten in Bewegung und
irritieren sich gegenseitig. Die Kausalität der Darstellung wird
unterwandert durch die Konfrontation zweier Rezeptionsmodi, die in unterschiedlichen
Abständen zum Bild präsent sind und gewußt, nie aber
gleichzeitig wahrgenommen werden können. Jensen beansprucht hinsichtlich
der Deutung des primären Sujets das Bildgedächtnis des Betrachters.
Indem sie darüber hinaus eine Erfahrung mit digitalen Bildinformationen
voraussetzt, regt sie die Reflexion des Verhältnisses beider zueinander
an. Dies führt beim Betrachter der Bilder zwangsläufig zur
Verunsicherung über das primäre Sujet. Es handelt sich bei
diesen Bildern nämlich gerade nicht um Veduten, sondern um Demonstrationsfelder
eines technischen Verfahrens und einer Reflexion über die Möglichkeiten
und Grenzen von Wahrnehmung, bei denen die Bedeutung des Bildgegenstandes
zurücktritt hinter der Reflexion der Täuschung durch das Bild.
Bilderinnerungen
setzen nur selten allmählich ein und entfalten sich nicht graduell.
… schlagartig, plötzlich und überraschend nehmen wir
aus der Ferne die Bilder einer nächtlich erleuchteten Stadt wahr.
… schlagartig, plötzlich und überraschend sehen wir
aber aus der Nähe betrachtet die Repräsentation eines digitalen
Bildes.
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